Ein unscheinbarer Stecker im Zigarettenanzünder hilft Leben retten: Die Versicherer haben einen Unfallmeldedienst für Autos entwickelt. Jetzt ist das System startklar.

Normalerweise sitzen Crashtest-Dummys am Steuer des knallgelb lackierten 5er BMW. Dieses Mal gibt es nur einen Passagier: einen schwarzen Stecker für den Zigarettenanzünder, geformt wie eine kleine Raumkapsel. Kurzer Countdown, dann beschleunigt der BMW und knallt gegen die Wand. Jürgen Redlich steht hinter der Schutzwand aus Panzerglas und nickt: Wagen kaputt, Stecker heil. Und auf dem Laptop hat der Crash eine schöne Datenkurve hinterlassen.

Redlich hat mehr als anderthalb Jahre für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ein Projekt geleitet, das helfen wird, Leben auf Deutschlands Straßen zu retten. Nach einem Autounfall entscheiden oft Sekunden über Leben oder Tod. Und der unscheinbare Stecker sorgt künftig dafür, dass Hilfe wirklich schnellstmöglich unterwegs ist.

Bei einem Unfall aktiviert er – per App – das Smartphone, das automatisch die aktuellen Positionsdaten und die Schwere des Crashs an eine Notrufzentrale sendet. Zugleich wird eine Sprachverbindung mit einem Mitarbeiter in der Zentrale hergestellt: Wie geht es dem Fahrer? Wie viele Verletzte gibt es?

Größter Vorteil des Systems: Anders als das ab 2018 für Neuwagen vorgeschriebene Notrufsystem eCall lässt sich dieser Unfallmeldedienst so gut wie in jedem Auto nachrüsten. Einzige Voraussetzung im Auto: ein 12-Volt-Anschluss – gern für den Zigarettenanzünder genutzt.

In dem System steckt die Erfahrung einer mehrjährigen Entwicklungszeit. Die Versicherer und der Projektpartner Bosch mussten die Formel finden, damit der Stecker jeden Unfall wahrnimmt – aber nicht bereits auslöst, wenn das Auto nur kräftig beim Einparken über den Bordstein fährt.

Neben dem Stecker braucht es nur noch ein Smartphone, damit ein Notruf abgesetzt werden kann. Software-Riese IBM half bei der Entwicklung der App und der Übertragung der Notrufe per mobiler Datenverbindung.

Gleichzeitig wird über das Telefon die Sprachverbindung aufgebaut. Die Notrufe landen dann in Hamburg, bei der GDV Dienstleistungs-GmbH & Co KG. Hier kommen auch alle Anrufe von den Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen an – insgesamt mehr als 100.000 pro Jahr.

Das neue Service-Angebot hilft nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei Pannen aus der Bredouille: Den Abschleppdienst zu rufen, ist nur noch ein Touch auf dem Smartphone entfernt. Bei einem leichten Unfall wird der Fahrer automatisch mit einem Service-Center verbunden und kann einen Abschleppwagen anfordern. Der Kfz-Versicherer organisiert Hilfe – und kann gleichzeitig den Unfall aufnehmen.

Vertrieben wird der Unfallmeldestecker über die einzelnen Versicherungsunternehmen.

Autor:
Henning Engelage
Reporter, GDV-Verbandsmagazin Positionen, Berlin

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