Die Versicherer hinken bei der Digitalisierung den Unternehmen hinterher. Das schafft Probleme.

In der automatisierten Fabrik kommunizieren Produktions- und Lagersysteme selbständig miteinander und mögliche Probleme werden von den Maschinen selbst erkannt und behoben. Wenn der Betreiber dieser Fabrik sein Unternehmen versichern will, muss er dagegen stapelweise Dokumente liefern, in endlosen Gesprächen erklären, was er da eigentlich tut, um am Ende nach monatelanger Wartezeit eine Police auf Papier auf dem Tisch zu haben. Nach Meinung vieler Betriebe sieht so die Situation in der Industrieversicherung aus – beim Thema Digitalisierung laufen Versicherer und Kunden längst nicht mehr synchron. „Industrie 4.0 trifft Versicherung 2.0“, so fasst es Jürgen Seiring zusammen, Geschäftsführer bei VSMA, dem Versicherungsmakler des Maschinenbauer-Verbandes VDMA.

Seit 40 Jahren befasst er sich mit Versicherungen und hat festgestellt: „Die Policen haben sich seitdem kaum verändert.“ Die Realität in den Unternehmen dafür umso mehr. Viel zu sehr seien die Versicherer mit sich selbst beschäftigt, Fusionen und interne Umstrukturierungen würden ihre Arbeitskraft binden, meint Seiring. Nur die Großindustrie bekomme noch etwas Aufmerksamkeit, mit dem Mittelstand würde sich die Versicherungsbranche kaum noch beschäftigen. „Sie kann mit der Schnelligkeit des Wandels nicht mithalten und versteht auch inhaltlich nicht mehr, was da vor Ort passiert.“

Das Urteil von Jens-Daniel Florian, Head of Digital Strategy & Transformation beim Großmakler Marsh, ist etwas milder: „Die Versicherer machen insgesamt Fortschritte bei der Digitalisierung, sie haben jedoch noch ein gutes Stück des Weges vor sich.“ Manche setzten allein auf interne Weiterentwicklung, andere würden dafür mit Start-ups oder den produzierenden Unternehmen selbst zusammenarbeiten. Florian fordert aber auch von der Industrieseite mehr Kooperation: „Insbesondere sollte bei den Unternehmen die Bereitschaft wachsen, sich für das Teilen von Daten, zum Beispiel aus Sensoren, zu öffnen.“

Edgar Puls, Vorstandsmitglied bei HDI Global, nennt es ein „Kunststück“, was von den Versicherern erwartet werde: „Wir müssen uns einerseits auf unser traditionelles Know-how besinnen, das heißt auf unsere Qualitäten in der Risikoberatung sowie auf unser Kapital- und Kapazitätenmanagement.“ Andererseits müssten die Versicherer die neuen Möglichkeiten durch das Internet der Dinge, Big Data und künstliche Intelligenz nutzen. Vieles bleibe aber Handarbeit, weil individuelle Lösungen weiter gefragt seien. „Reine Algorithmen-Entscheidungen tauchen am Horizont der Industrieversicherung noch nicht auf.“

Als Kunde wünscht sich Seiring aber eine neue Herangehensweise. Denn traditionelles Know-how und Erfahrungen der Vergangenheit helfen bei den enormen Veränderungen eben nicht immer weiter, künftige Entwicklungen seien oft noch nicht absehbar. „Da muss man einfach mal ins Risiko gehen.“

Die digitale Revolution in Industrie und Gewerbe kann manche traditionelle Police sogar überflüssig machen, glaubt Seiring. Zum Beispiel die Maschinenversicherung. Lernende Maschinen erkennen nämlich zunehmend selbständig, wann eine Wartung ansteht, ob Teile vor dem Verschleiß stehen oder andere Faktoren die Produktion bedrohen. Plötzliche Produktionsausfälle mit all ihren Folgen gibt es dann kaum noch. „Predictive Maintenance“, vorausschauende Wartung, heißt das Schlagwort. In den meisten Bereichen aber bleibt eine Versicherung das erste Mittel der Risikoabsicherung. Die Maschinenbauer arbeiten deshalb jetzt aktiv mit an einer Police, die gerade Bedürfnisse der mittelständischen Betriebe erfüllt. Drei Versicherer sind die Partner – welche, will Seiring nicht verraten, es seien nicht die drei größten. Im Herbst wollen sie den Mitgliedsunternehmen das Konzept präsentieren, eine Mischung aus „80 Prozent Haftpflicht- und 20 Prozent Sachversicherung“. „Es wird nicht für jeden passen, aber für 20 von 36 Fachverbänden wird es sicher die perfekte Lösung sein.“

Autorin:
Katrin Berkkenkopf

Erscheinungsdatum: 29.08.2019
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