Wer seiner Versicherung einen Schaden meldet, erwartet eine umfassende Regulierung. Eine Hoffnung, die in den letzten Jahren oft enttäuscht wird – viele Versicherer reagieren zögerlich oder lehnen Schäden mit abenteuerlichen Begründungen ab. Wir haben Dr. Stefan Steinkühler, Rechtsanwalt mit langjähriger Expertise im Versicherungsrecht, und Jürgen Seiring, Geschäftsführer der VSMA GmbH, zu dieser beunruhigenden Entwicklung befragt.

Geschäftsführer Jürgen Seiring und Rechtsanwalt Dr. Stefan Steinkühler

In letzter Zeit mehren sich die Stimmen, wonach die Versicherer Schäden nicht anständig regulieren würden. Herr Dr. Steinkühler, was ist Ihr Eindruck?

Dr. Steinkühler: Es gibt nicht DIE Versicherer, die schlecht regulieren. Es gibt immer noch viele, die ordentlich eingegangene Schäden abarbeiten. Mehr als ein Abarbeiten darf man aber heutzutage auch nicht erwarten. Es gibt allerdings klare Tendenzen, dass aus Einzelfällen ein systematisches Vorgehen wird. Hier ist im Übrigen auch der Versicherungsmakler gefragt, dem Kunden vernünftige Versicherer anzubieten. Der Preis ist sicherlich ganz wesentlich. Aber was hilft es mir als Versicherungsnehmer, wenn ich im Schadenfall leer ausgehe, nur weil der Versicherer nicht zahlen will?

Herr Seiring, wie sind Ihre Erfahrungen hierzu?

Seiring: Auch wir beobachten dies zunehmend in den letzten Jahren. Zunächst scheinen viele Schadenabteilungen bei Versicherungsgesellschaften personell unterbesetzt zu sein. Viele Versicherer geben die Schäden schnell an spezialisierte Rechtsanwaltskanzleien oder sogenannte Loss Adjuster ab. Sehr oft verschlimmert dies die Schadenabwicklung, wenn die Kanzlei besonders spitzfindige Ansätze findet, um Schadenablehnungen zu produzieren. Der Schadensachbearbeiter kann sich dann darüber nur schwer hinwegsetzen.

Leider fehlen mittlerweile in den Schadenabteilungen die „alten Hasen“: gut ausgebildete Personen, die auch Kenntnis darüber haben, wieso und wie ein Versicherungsprodukt entstanden ist. Nur so lassen sich die zum Teil abenteuerlichen Schadenablehnungen erklären.

Woran hapert es aus juristischer Sicht?

Dr. Steinkühler: Versicherer haben vom Gesetzgeber und nach den Versicherungsbedingungen in der Regel ein ausgiebiges Auskunftsrecht, bevor sie zu einer abschließenden Schadenbewertung kommen. Manche Versicherer sind an dieser Stelle besonders wissbegierig und verzögern so die Schadenabwicklung.

Zudem ist es mittlerweile auch so, dass Versicherer ihr Wissen nicht mit der Seite des Anspruchstellers teilen. Ein Versicherer hat zum Beispiel ein Gutachten eines Sachverständigen in einem Produkthaftpflichtfall eingeholt, stellt diese aber aus taktischen Gründen nicht zur Verfügung. Oder aber der Versicherer verweigert ohne eine fundierte Begründung einfach die Schadenregulierung. Im ersten Fall versucht man mit der Bezugnahme auf die angeblich zu einem anderen Ergebnis kommende Stellungnahme unter Verkennung der Beweislast Gegenargumente für eine Vergleichsverhandlung aufzubauen. Im zweiten Fall will man den Versicherungsnehmer testen, ob er wirklich den D&O-Versicherer verklagt. Ob man ein derartiges Verhalten als Bestandteil einer vertrauensvollen Geschäftsbeziehung sehen kann, ist mehr als zweifelhaft. Die Versicherungsgesellschaft zwingt damit den Versicherungsnehmer in eine Klage mit entsprechendem Kostenrisiko, um dann möglicherweise Anhaltspunkte zu erfahren, die, wenn man sie vorher gewusst hätte, den Versicherungsnehmer davon abgehalten hätten, Klage gegen den Versicherer zu erheben. Und dieser D&O-Versicherer wirbt auch noch mit seinem tollen Schadenservice.

Was unternimmt die VSMA dagegen?

Seiring: Einen ersten Schritt in die richtige Richtung haben wir als VSMA dahingehend getan, dass der Versicherer im Falle einer Ablehnung eine ausführliche Begründung hierzu liefern muss.

Herr Dr. Steinkühler, können Sie Beispiele für die Regulierungspraxis geben?

Dr. Steinkühler: D&O-Versicherer wollen oft schon nicht die vertraglich zugesicherten Abwehrkosten zahlen, wenn sie meinen, dass es sich um vorsätzliches oder wissentliches Handeln der versicherten Personen handelt. Das Problem ist aber, dass es sich hierbei um einen Ausschluss handelt, für den der Versicherer beweisbelastet ist. Dem D&O-Versicherer steht zwar ein Rückzahlungsanspruch gegen die versicherte Person zu. Doch wenn diese Privatinsolvenz angemeldet hat, bleibt der Versicherer auf seinen vorläufig gezahlten Abwehrkosten sitzen. Deswegen lassen sich die D&O-Versicherer immer wieder spannende Argumentationen einfallen, um erst gar keine Abwehrkosten zu zahlen. Diese sind aber für die versicherte Person fundamental wichtig. Ein Versicherer argumentierte in einem Schadenfall, dass das Handeln der versicherten Person nur „bei Gelegenheit“ erfolgt sei und als ungeschriebenes Tatbestandsmerkmal damit schon nicht in den versicherten Gegenstand fiele, für den die versicherte Person beweispflichtig ist. Ein Versicherer argumentierte, dass die im Raum stehe Pflichtverletzung auf einem Delikt beruhe, welches eh nur vorsätzlich begangen werden könne und versagte deswegen zu Unrecht den Versicherungsschutz.

Ähnlich musste vor Kurzem ein D&O-Versicherer eine Niederlage vor Gericht hinnehmen, weil er ebenfalls eine arglistige Täuschung als bewiesen unterstellte, obwohl die Frage noch nicht abschließend geklärt war und die Versicherungsbedingungen klar vorsahen, dass im Zweifel vorläufige Abwehrkosten zu zahlen sind.

Herr Seiring, wie ist Ihre Einschätzung hierzu?

Seiring: Ich kann ja verstehen, dass die D&O-Versicherer in einem momentan knallharten Marktumfeld sehr genau regulieren. Mit solchen teilweise abwegigen Argumentationen schaden sie aber dem Ruf der D&O-Versicherungen. Dies vor allem dann, wenn dadurch die Schadenregulierung unnötig in die Länge gezogen wird und Unternehmen auf den Schadenausgleich des Versicherers angewiesen sind.

Was beobachten Sie insgesamt am industriellen Versicherungsmarkt?

Seiring: Aufseiten der Versicherer haben Großschäden sowie Naturkatastrophen zu einer dramatischen Ergebnisbelastung geführt. Dies erhöht den Druck, die seit vielen Jahren defizitären Ergebnisse in der Industrieversicherung zu verbessern. Jahrelang haben sich die Versicherer auf die Erträge aus dem Kapitalmarkt verlassen. Damit wurden die negativen versicherungstechnischen Ergebnisse ausgeglichen. Seit einigen Jahren können am Kapitalmarkt kaum noch Gewinne erzielt werden. Nachdem nun auch die letzten Speckpolster fast aufgebraucht sind, wird der Druck auf die Branche, Ergebnisverbesserungen zu erzielen, extrem hoch. Wir sehen, wie in den meisten Versicherungssparten das Streben nach Prämienerhöhungen, Reduzierung der Kapazitäten sowie Deckungseinschränkungen spürbar zunimmt. Einige Versicherer haben sich bereits komplett aus bestimmten Branchen und Sparten zurückgezogen. Die Konsolidierung des Versicherungsmarktes durch Fusionierungen, Aufkäufe und Marktausstiege erschwert diese Situation zusätzlich. Es ist damit zu rechnen, dass es auch für den Mittelstand immer schwieriger wird, ausreichend Kapazitäten einzukaufen.

Herr Dr. Steinkühler, wie kann man dem Verhalten der Versicherer bei der Schadenregulierung begegnen?

Dr. Steinkühler: Leider ist dieses Verhalten kaum durch Versicherungsbedingungen steuerbar. Dafür gibt es ausreichend Praxisfälle, in denen sich Versicherer an vertragliche Absprachen nicht gehalten haben. Die Versicherungskunden benötigen einen langen Atem und sollten nicht bereits nach der ersten Schadenablehnung aufgeben. Gerade hier bewährt sich die Unterstützung durch einen qualifizierten Versicherungsmakler.

Und: Der Versicherungsnehmer sollte seine Position mit Rechtsschutzprodukten stärken. Rechtsschutzversicherungen bieten zwar keine Gewähr dafür, dass man vor Gericht gewinnt. Sie decken aber alle Kosten für den Rechtsstreit ab und sorgen bei langen gerichtlichen Auseinandersetzungen dafür, dass man bis zum Ende finanziell durchhalten beziehungsweise mithalten kann.

Herr Seiring, was empfehlen Sie?

Seiring: Wichtig ist die Auswahl des richtigen Produktes, wie es die VSMA mit dem Versicherungsvertrags-Rechtsschutz im Rahmen einer Strafrechtsschutz-Versicherung anbietet. Über das Standard-Bedingungswerk einer Strafrechtsschutz-Versicherung besteht kein Versicherungsschutz für Streitigkeiten mit Versicherern.

 

Rechtsanwalt Dr. Stefan Steinkühler ist Kooperationspartner der VSMA GmbH
Rechtsanwalt Dr. Stefan Steinkühler steht der VSMA seit Mitte des letzten Jahres als juristischer Berater bei versicherungsrechtlichen Themen zur Seite (siehe: https://www.vsma.de/unternehmen-vsma/kooperationspartner/). Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Versicherungswirtschaft. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind neben versicherungsrechtlichen Angelegenheiten aus dem unternehmerischen Segment vor allem Fälle im Bereich der Financial Lines und der Managerhaftung (siehe auch: https://ra-steinkuehler.de/).

Bildnachweis: Stock-Fotografie-ID:506066176 • wsfurlan

 

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